Söldner ohne Sold: Freikorps in der Weimarer Republik, Schlesien und im Baltikum
Einleitung
Der Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches im November 1918 bedeutete nicht nur das Ende der Monarchie, sondern auch den Zerfall der militärischen Ordnung, die Deutschland seit der Reichsgründung geprägt hatte. Millionen Soldaten kehrten aus dem Ersten Weltkrieg zurück, während gleichzeitig Revolution, wirtschaftliche Not und territoriale Konflikte die junge Republik erschütterten. Aus dieser Situation entstanden die Freikorps – freiwillige militärische Verbände, die überwiegend aus ehemaligen Frontsoldaten, Offizieren und Unteroffizieren bestanden.¹
Die Freikorps waren weder reguläre Streitkräfte noch einfache Bürgerwehren. Sie verfügten über militärische Strukturen, eigene Kommandos und teilweise weiterhin über Waffenbestände des ehemaligen kaiserlichen Heeres. In den ersten Jahren der Weimarer Republik übernahmen sie Aufgaben im Inneren Deutschlands, kämpften in den Grenzgebieten des Reiches und beteiligten sich an militärischen Operationen im Baltikum.²
Der Begriff „Söldner ohne Sold“ beschreibt dabei die besondere Stellung dieser Verbände: Viele ihrer Angehörigen kämpften außerhalb einer regulären Armee und ohne sichere berufliche Perspektive. Ihre Motivation entstand häufig aus militärischer Kameradschaft, nationalen Vorstellungen, persönlicher Bindung an die Frontgemeinschaft oder dem Kampf gegen den Bolschewismus.³
Die Entstehung der Freikorps nach dem Ersten Weltkrieg
Mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 begann die Auflösung des deutschen Heeres. Die Demobilisierung brachte Millionen Soldaten zurück in eine Gesellschaft, die politisch und wirtschaftlich tief erschüttert war. Gleichzeitig entstand ein Machtvakuum, da die neue republikanische Regierung nur über begrenzte militärische Mittel verfügte.⁴
Während in mehreren deutschen Städten Arbeiter- und Soldatenräte entstanden und revolutionäre Bewegungen eine grundlegende politische Umgestaltung forderten, musste die Reichsregierung unter Friedrich Ebert ihre staatliche Kontrolle sichern. Da reguläre Truppen zunächst nur eingeschränkt verfügbar waren, griff die Regierung auf freiwillige militärische Verbände zurück.⁵
Diese Verbände entstanden häufig aus ehemaligen Frontformationen. Viele Soldaten hatten Schwierigkeiten, sich nach Jahren des Krieges in das zivile Leben einzuordnen. Ehemalige Offiziere übernahmen die Führung und organisierten die Freikorps nach militärischen Vorbildern des Kaiserheeres. Eine zentrale Gesamtorganisation existierte jedoch nicht; vielmehr handelte es sich um zahlreiche eigenständige Verbände.⁶
Zu den bekanntesten Formationen gehörten die Marinebrigade Ehrhardt, das Freikorps Roßbach und das Freikorps von Epp. Ihre Namen leiteten sich meist von ihren Kommandeuren ab, die häufig aus der Offizierselite des ehemaligen Heeres stammten.⁷
Die Freikorps in der frühen Weimarer Republik
Die ersten großen Einsätze der Freikorps fanden innerhalb Deutschlands statt. Die Reichsregierung setzte sie insbesondere gegen revolutionäre Bewegungen ein, da sie über militärische Erfahrung verfügten und kurzfristig verfügbar waren.⁸
Im Januar 1919 beteiligten sich Freikorpsverbände an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes in Berlin. Wenige Monate später wurden sie auch gegen die Münchner Räterepublik eingesetzt. Diese Einsätze machten die Freikorps zu einem wichtigen, aber zugleich umstrittenen Bestandteil der staatlichen Ordnungspolitik der frühen Republik.⁹
Militärisch unterschieden sich die Freikorps deutlich von improvisierten Bürgerwehren. Viele Angehörige verfügten über Fronterfahrung, taktische Kenntnisse und eine starke Verbandsbindung. Gleichzeitig entwickelten zahlreiche Verbände eigene politische Vorstellungen und verstanden sich zunehmend nicht nur als militärische Hilfskräfte des Staates, sondern als eigenständige politische Kraft.¹⁰
Der Kampf um Oberschlesien
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Oberschlesien zu einem der wichtigsten Konfliktgebiete zwischen Deutschland und Polen. Die Region besaß aufgrund ihrer Industrieanlagen eine große wirtschaftliche Bedeutung und war zugleich ethnisch gemischt. Der Versailler Vertrag sah eine Volksabstimmung über die zukünftige Zugehörigkeit der Region vor.¹¹
Zwischen 1919 und 1921 kam es zu drei schlesischen Aufständen. Während polnische Aufständische versuchten, die Eingliederung der Region in Polen militärisch zu unterstützen, bildeten sich auf deutscher Seite Selbstschutzverbände und Freikorpsformationen.¹²
Besondere Bedeutung erlangte der Kampf um den Annaberg im Mai 1921. Deutsche Freikorpsverbände griffen die strategisch wichtige Anhöhe an und konnten sie nach schweren Kämpfen einnehmen. Der Einsatz wurde später zu einem zentralen Erinnerungsort innerhalb ehemaliger Freikorpskreise.¹³
Der Konflikt endete schließlich mit einer internationalen Entscheidung über die Teilung Oberschlesiens. Die Kämpfe zeigten jedoch deutlich, dass die Freikorps auch nach den innerdeutschen Konflikten weiterhin als militärisch organisierte Verbände eingesetzt wurden.¹⁴
Der Einsatz im Baltikum
Während die Freikorps in Deutschland zunehmend an Bedeutung verloren, verlagerte sich ein Teil ihrer Aktivitäten in das Baltikum. Nach dem Zusammenbruch des Russischen Kaiserreiches und dem Ende der deutschen Besatzung entstand dort ein komplexer Bürgerkrieg zwischen verschiedenen politischen und militärischen Kräften.¹⁵
Die baltischen Staaten Lettland und Estland standen unter erheblichem Druck durch die Bolschewiki. In dieser Situation entstanden deutsche Freiwilligenverbände, die zunächst vorgaben, die Ausbreitung des Bolschewismus aufzuhalten. Zu den bedeutendsten Verbänden gehörte die Eiserne Division.¹⁶
Die Eiserne Division bestand überwiegend aus ehemaligen deutschen Soldaten und Freikorpsangehörigen. Unter deutscher Führung entwickelte sie sich zu einem schlagkräftigen Verband und beteiligte sich 1919 gemeinsam mit baltischen Kräften an Kämpfen gegen die Rote Armee. Ein wichtiger militärischer Erfolg war die Rückeroberung Rigas im Frühjahr 1919.¹⁷
Die Eiserne Division und die Westrussische Befreiungsarmee
Im weiteren Verlauf des Jahres 1919 kam es zu einer ungewöhnlichen militärischen Zusammenarbeit. Teile der deutschen Freikorpsverbände schlossen sich der Westrussischen Befreiungsarmee unter Pawel Bermondt-Awaloff an. Diese Armee setzte sich aus russischen Monarchisten, ehemaligen zaristischen Offizieren und deutschen Freiwilligen zusammen.¹⁸
Diese Kooperation war vor allem deshalb bemerkenswert, weil sich hier ehemalige Gegner des Ersten Weltkriegs zusammenschlossen. Deutsche Soldaten und zaristische Truppen hatten zwischen 1914 und 1918 an der Ostfront gegeneinander gekämpft. Nur wenige Jahre später standen Vertreter beider Seiten gemeinsam gegen die Bolschewiki.¹⁹
Der gemeinsame antibolschewistische Kampf verband die unterschiedlichen Gruppen, obwohl ihre politischen Ziele keineswegs identisch waren. Während russische Vertreter die Wiederherstellung eines russischen Staates anstrebten, verfolgten Teile der deutschen Freikorps eigene Vorstellungen über die zukünftige Rolle Deutschlands im Baltikum.²⁰
Der Versuch Bermondt-Awaloffs, Riga im Herbst 1919 einzunehmen, scheiterte jedoch am Widerstand der lettischen Streitkräfte. Nach der Niederlage zerfiel die Westrussische Befreiungsarmee, und die meisten deutschen Freikorpsangehörigen verließen das Baltikum.²¹
Das Ende der Freikorps
Mit der Umsetzung des Versailler Vertrages begann die Auflösung des Freikorpsverbände. Der Vertrag beschränkte die deutsche Armee auf 100.000 Soldaten, wodurch große freiwillige Militärverbände nicht dauerhaft bestehen konnten.²²
Ein Teil der ehemaligen Freikorpsangehörigen wurde in die Reichswehr übernommen. Andere wechselten in Polizeiverbände oder schlossen sich politischen Veteranenorganisationen an. Damit endete die Existenz der Freikorps als eigenständige militärische Bewegung weitgehend.²³
Ihre Geschichte blieb jedoch eng mit den politischen und militärischen Konflikten der unmittelbaren Nachkriegszeit verbunden. Innerhalb weniger Jahre hatten diese Verbände in verschiedenen Kriegs- und Krisengebieten Europas gekämpft und waren ein Ausdruck der instabilen Übergangsphase zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik geworden.
Literaturverzeichnis
Blanke, Richard: Orphans of Versailles: The Germans in Western Poland 1918–1939. Lexington 1993.
Gerwarth, Robert: Die Besiegten. Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs. München 2017.
Knigge, Jobst: Kontinuität deutscher Kriegsziele im Baltikum. Hamburg 2003.
Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik. München 2009.
Sauer, Bernhard: „Vom Mythos eines ewigen Soldatentums. Der Feldzug deutscher Freikorps im Baltikum im Jahre 1919“. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 43 (1995).
Schulze, Hagen: Freikorps und Republik 1918–1920. Boppard 1969.
Waite, Robert G. L.: Vanguard of Nazism. The Free Corps Movement in Postwar Germany 1918–1923. Cambridge (Mass.) 1952.
Fußnoten
- Vgl. Schulze; Waite.
- Vgl. Schulze.
- Vgl. Waite.
- Vgl. Gerwarth.
- Vgl. Schulze; Kolb.
- Vgl. Waite.
- Vgl. Schulze.
- Vgl. Kolb; Schulze.
- Vgl. Gerwarth.
- Vgl. Waite.
- Vgl. Blanke.
- Vgl. Blanke.
- Vgl. Schulze.
- Vgl. Blanke.
- Vgl. Sauer.
- Vgl. Sauer; Knigge.
- Vgl. Sauer.
- Vgl. Knigge.
- Vgl. Sauer.
- Vgl. Knigge.
- Vgl. Sauer.
- Vgl. Schulze.
- Vgl. Waite.